Die Geschichte der Schiffergesellschaft zu Lübeck und ihrem Haus in der Breiten Straße Nr. 2

Bild 1: Front mit Jahreszahlen
Bild 1: Front mit Jahreszahlen

-1535 – . So leuchten goldene Jahreszahlen von der Frontseite (Bild 1) eines der schönsten Treppengiebelhäuser der Hansestadt Lübeck herab auf die Breite Straße.

Sinnsprüche und Segelschiffe dekorieren Fassade und Beischlagwangen. Den auf der obersten Giebelstufe stehenden, weithin sichtbaren Hausschmuck – die Weltkugel, eine als Wetterfahne dienendes Segelschiff und die über allem thronende Krone aus dem Wappen der Schifferbrüder – ließen sich die Eigentümer bereits vor Jahrhunderten vergolden.

Tritt der neugierig gewordene nun über drei Stufen durch das Portal mit dem Rokoko-Oberlicht, dann steht er in der 'klassischsten Kneipe' der Welt. So bezeichnete der vom Ambiente faszinierte Schriftsteller Hans Leip die historische Gaststätte 'Schiffergesellschaft'.

Bild 2: Alter Kronleuchter
Bild 2: Alter Kronleuchter

Ein an einem der vielen Deckenbalken hängender riesiger Kronleuchter (Bild 2), dessen brennende Kerzen abends eine unnachahmliche Atmosphäre schaffen , beherrscht die ehemalige Versammlungshalle der Lübecker Schiffer.

Segelschiffsmodelle aus verschiedenen Jahrhunderten schweben unter der Decke. Lange Bankreihen mit hohen Rückenlehnen, sogenannte Gelage (Bild 3), stehen an ebenso langen aus Schiffsplanken gefertigten Eichentischen. Unwillkürlich wird man zum Verweilen bei Bier oder gutem Essen eingeladen.

Ein wenig Zeit braucht der Besucher, um die Vielzahl der Erinnerungsstücke (Bild 4) zu bewundern, die Schifferbrüder im Laufe der Jahrhunderte aus aller Welt mitbrachten. Doch nicht nur diese Exponate wecken das Interesse des Gastes.

Großflächige manieristische Wandgemälde aus den Jahren 1624 und 1625, Schnitzereien und viele andere Details erinnern an die lange und traditionsreiche Geschichte dieses denkmalgeschützten Hauses und die noch längere der am 26. Dezember 1401 als St. Nikolaus Bruderschaft gegründete Vereinigung.

Bild 3: Holzschnitzerei Gelage
Bild 3: Holzschnitzerei Gelage

Damals schlossen sich viele der in jener Zeit stark religiös lebenden Menschen in Bruderschaften zusammen, um ihre gottesfürchtigen, geselligen und wirtschaftlich sozialen Bedürfnisse zu befriedigen. Deutlich wird dieses unter anderem in einem Textabschnitt aus der Gründungsurkunde der St. Nikolaus Bruderschaft, der folgendermaßen lautet:

'Zu Hilfe und Trost der Lebenden und Toten und aller, die ihren ehrlichen Unterhalt in der Schifffahrt suchen.'

Fast alle religiösen Bruderschaften lösten sich im Zuge der Reformation ( um 1530 ) auf. In diese Zeit fiel der Zusammenschluß mit der erstmalig 1495 erwähnten St. Annen – Bruderschaft. Es entstand eine ausschließlich aus Seeleuten bestehende Standesorganisation, die 'Schippern Selschup'. Deren 'Olderlude' erwarben 1535 gegenüber von St. Jacobi für 940 Mark lübisch Grundstück und Haus an der Ecke Engelsgrube/ Breite Straße. Bereits im Jahre 1292 erwähnte man diese Liegenschaft in einer Urkunde.

Bild 4: Erinnerungsstücke
Bild 4: Erinnerungsstücke

Durch Neu- und Umbauarbeiten entstand bis zum Jahre 1538 die jetzt fast noch in ihrer ursprünglichen Form existierende historische Halle. Außerdem konnten durch Integration von Nachbargebäuden 18 Wohnungen geschaffen werden.

Die Bindung zu Kirche und Religion ging nicht verloren. In dem neu entstandenen Haus bewahrte man die Kolossalstatuen des Heiligen Nikolaus und der Anna Selbdritt auf. Mit dem Bereitstellen von Speisen und Wohnraum für Alte und Bedürftige kamen die Schiffer weiterhin ihrer sozialen Verpflichtung nach.

Durch den innerhalb der Standesorganisation versammelten seemännischen und nautischen Sachverstand wuchsen im Laufe der Jahre der 'Schiffergesellschaft' etliche öffentliche, hauptsächlich durch Älterleute wahrgenommene Aufgaben zu.

Bild 5: Kapitänsbild mit Zweimaster
Bild 5: Kapitänsbild mit Zweimaster

Erwähnenswert sind z. B. das Ausstellen von Schiffspässen für das Schiffsvolk, Schiffstaxen, Bewachung des Hafens, Beratung des Senats in maritimen Fragen, insbesondere denen der Rechtspflege, Verwaltung der Sklavenkasse und natürlich die Sorge für die Ordnung innerhalb der Brüderschaft und im eigenen Hause.

Von Schiffsreisen heimkehrende Kapitäne hatten den Älterleuten vom Reiseverlauf zu berichten. Hin und wieder rapportierten die Schiffer von Havarien, Meutereien oder gar Raubüberfällen. Diese im Beichtstuhl abgegebenen Berichte unterlagen dem Urteil oder, wenn nötig, auch dem Schiedsspruch der Älterleute.

Das hansische Seerecht von 1614 schrieb ausdrücklich fest, Streitigkeiten zwischen Schiffsvolk und Schiffern seien vor dem Kollegium der Älterleute der 'Schiffergesellschaft' zu regeln.

Bild 6: Schifferhof
Bild 6: Schifferhof

Obwohl die 'Schiffergesellschaft' nicht der Zunftverfassung unterlag, bedurften ihre Statuten der Genehmigung durch den Rat der Stadt. Lübecker Schiffer waren Zwangsmitglieder.

1866 hob ein Gewerbegesetz in Lübeck den Zunftzwang auf. Diese Regelung traf auch die 'Schiffergesellschaft'. Es stellte sich die Frage der Gesellschaftsauflösung. Mehrheitlich entschieden die Schiffer für einen Fortbestand ihrer Organisation als freie Genossenschaft, die die gewerblichen Interessen ihrer Mitglieder zu verfolgen, sowie Hilfsbedürftige aus ihrem Kreise und Schifferwitwen zu unterstützen hatte.

Der neue rechtliche Status brachte ökonomische Schwierigkeiten. Schnell wuchsen Schulden zu einer Gesamthöhe von 4000 Courantmark auf. Ein Verkauf des historischen Gebäudes schien unabwendbar und die Schifferbrüder faßten einen entsprechenden Beschluß. Dem Vorstandsmitglied J. H. Wenditz gelang es jedoch mehrfach, die Umsetzung des klaren Abstimmungsergebnisses hinauszuzögern.

Bild 7: Haus der Schiffergesellschaft
Bild 7: Haus der Schiffergesellschaft

Letztendlich erreichte er die Umwandlung des schon in der damaligen Zeit als wertvolle Antiquität angesehenen Gebäudes in eine der Öffentlichkeit zugängliche und von Pächtern geführte Gaststätte. Durch die Einnahmen aus der Schankwirtschaft gelang es der Gesellschaft, sich wirtschaftlich zu erholen.

Gegen Ende der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts war man bereits in der Lage, das auch noch heute betriebene Witwenhaus, den Schifferhof (Bild 6), zu bauen.

Um einer Enteignung im Zuge der Gleichschaltung zu entgehen, nahm die 'Schiffergesellschaft' in den dreißiger Jahren den Status der Gemeinnützigkeit an. Den 2. Weltkrieg überstanden die Gebäude der Gesellschaft unbeschädigt.

Umfangreiche Restaurierungsarbeiten an Häusern und Inneneinrichtungen konnten zwischen 1972 und 1976 durchgeführt werden. Sieht man von einigen Modifikationen ab, so entspricht die 1869 entworfene Satzung noch der heute gültigen. Mitglied der 'Schiffergesellschaft' kann nur werden, wer das Kapitänspatent auf Großer Fahrt ( AG / A6 ) innehat. Bewerber müssen nachweisen, daß sie ein Schiff führten, für dessen Führung das oben erwähnte Patent vorgeschrieben ist, und in Lübeck oder Umgebung wohnen.

Bild: Die Schiffergesellschaft zu Lübeck

Im April 1999 hatte die Schiffergesellschaft, die übrigens kein eingetragener Verein, sondern eine Gesellschaft kraft Rechtserlass ist, 52 Kapitäne im Alter zwischen 36 und 93 Jahren als Mitglieder. Ihre Hauptaufgaben als Schifferbrüder liegen im sozialen Bereich und in der Pflege und Unterhaltung der denkmalgeschützten Gebäude.

Sollte diese kleine Einführung in die Geschichte der 'Schiffergesellschaft' Ihr Interesse geweckt haben und Sie möchten mehr über unser Haus, die Bruderschaft und deren frühere Aufgaben wissen, so können Sie sich in diesem reich bebilderten Buch informieren. Dieses Buch können Sie in unserem Shop bestellen.

Gern würden wir Sie auch persönlich in unserem einzigartigen Hause (Bild 7) begrüßen.

Ungefähr 80 Mitarbeiter unter Führung der Herren Engel und Höhne stehen für 350 Gäste mit einem unvergleichlichen und individuellen Service bereit.

Bild 8: Hansezimmer
Bild 8: Hansezimmer

Sie können nicht nur eine gehobene regionale Küche erwarten. Selbstverständlich geht der Küchenchef, der in bekannten Häusern mit vielen renommierten Köchen zusammenarbeitete, auf Ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen ein.

Außer in der historischen Halle finden im besonderen maritimen Ambiente von Kapitänssalon, Lübeck-, Hanse- (Bild 8) und Kapitänszimmer unsere Gäste eine aufmerksame Bedienung. Vor oder nach ihrem Essen können Sie mit ihren Freunden einen Drink in der Bar, dem 'Gotteskeller', nehmen.

Also, bis demnächst in der Schiffergesellschaft.

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